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Neue Grundsicherung, wachsender Bedarf an Sozialberatung – Immer mehr Menschen brauchen dringend Unterstützung
05.08.26Seit 1. Juli gilt in Deutschland die neue Grundsicherung. Im Gegensatz zum ehemaligen Bürgergeld gelten strengere Regeln bei Wohnkostenübernahme, Schonvermögen und Sanktionen, die für viele Leistungsbeziehende zu Unsicherheit und neuen Herausforderungen führt. In unserem Wirkungsgebiet ist diese Unsicherheit aufgrund des relativen hohen Anteiles an Arbeitslosen und Menschen mit geringem Einkommen deutlich zu spüren.
Um Ängste abzubauen und Nachbar:innen über ihre Rechte und Pflichten zu informieren, haben wir im Juni zwei Informationsveranstaltungen organisiert, bei denen es neben einer Klärung der aktuellen rechtlichen Situation auch Raum für Fragen und Austausch gab. Mit Unterstützung der Sozialpädagogin Christa Dentler konnten sich Nachbar:innen über die neue Situation informieren und wichtige Kenntnisse zur Vermeidung von Sanktionen erwerben.
Die Teilnehmenden brachten zahlreiche Fragen mit: Welche Miete gilt als angemessen? Wann ist ein langer Arbeitsweg noch zumutbar? Welche Folgen hat die neue Regelung für Eltern mit kleinen Kindern, die künftig bereits nach Vollendung des 14. Lebensmonats ihres Kindes für eine Erwerbstätigkeit oder Eingliederungsmaßnahme herangezogen werden können? Und müssen alle Jobangebote unabhängig von den persönlichen Umständen angenommen werden?
Besonders präsent war die Sorge vor Sanktionen. Viele Teilnehmende berichteten, Angst zu haben, Anforderungen des Jobcenters oder Aufforderungen zur Mitwirkung nicht richtig zu verstehen und dadurch unbeabsichtigt Fehler zu machen, die finanzielle Konsequenzen nach sich ziehen könnten. Der Wunsch nach verständlichen Informationen und einer Einordnung der neuen Regelungen zog sich durch die gesamte Veranstaltung.
Als besonders problematisch empfinden Nachbar:innen die Regelungen bei Wohnkosten. Die Angemessenheit der Wohnkosten wird ab dem ersten Tag des Leistungsbezugs mit einer absoluten Miethöchstgrenze geprüft. Dies erschwert Wohnungssuchenden zusätzlich den Zugang zu bezahlbarem Wohnraum in einem ohnehin stark angespannten Wohnungsmarkt.
Hinzu kommt auch die aktuell schwierige wirtschaftliche Lage, die für eine Steigerung der Arbeitslosenquote bundesweit sorgt. Selbst Hochverdienende, die in der ehemaligen boomenden Kreuzberger Tech-Startup-Szene tätig waren, werden entlassen und finden es – auch aufgrund von KI – schwierig, wieder eine Festanstellung zu finden. Ein arbeitsloser Software-Ingenieur aus der Nachbarschaft, den wir aus unseren Angeboten kennen, berichtete uns, dass er im letzten Jahr über 100 Bewerbungen verschickt hat – bisher ohne Erfolg. Auch er fürchtet die harten Sanktionen der neuen Grundsicherung und macht sich Sorgen um seine finanzielle Zukunft.
Als Stadtteilzentrum und in der Mobilen Stadtteilarbeit begegnen wir Menschen, die sich in sehr unterschiedlichen Lebenssituationen befinden und uns ihre Ängste und Sorgen mitteilen. In manchen Stadtteilzentren – zum Beispiel im Mehrgenerationenhaus Wassertor – gibt es zusätzlich eine Allgemeine Unabhängige Sozialberatung, bei der Menschen, die mit der Komplexität des Alltags überfordert sind, ein leicht zugängliches und barrierefreies Angebot der Beratung und Unterstützung bekommen können. In Berlin stehen stadtweit € 2,2 Mio hierfür zur Verfügung – allerdings deckt das Angebot die steigende Nachfrage aktuell nicht ab.

Berlinweite Statistik zu der Anzahl der gemeldeten Problemlagen
Wir spüren – wie bereits in unserem Artikel „Jeder fünfte Mensch in Berlin gilt als armutsgefährdet“ beschrieben – eine zunehmende Komplexität der Beratungsfälle. Viele Ratsuchende sind gleichzeitig mit mehreren Problemlagen konfrontiert – etwa mit Schwierigkeiten im Umgang mit Sozialleistungsbehörden, aufenthaltsrechtlichen Fragen sowie einer unsicheren Wohn- oder Arbeitssituation.
Diese Mehrfachbelastungen führen dazu, dass Beratungsgespräche häufig deutlich mehr Zeit in Anspruch nehmen und in Einzelfällen bis zu einer Stunde dauern. Die Folgen sind lange Wartezeiten, ein erhöhtes Konfliktpotenzial unter den Besucher sowie eine wachsende Belastung für die Berater.
Hinzu kommt die hohe emotionale Beanspruchung der Beratungsarbeit. Die intensive Auseinandersetzung mit belastenden Lebenssituationen, emotionale Ausnahmesituationen der Ratsuchenden sowie fehlende weiterführende Beratungs- und Unterstützungsangebote führen zu einem hohen Stressniveau. Dies erhöht das Risiko für psychische und körperliche Gesundheitsbeeinträchtigungen wie emotionale Erschöpfung, Burnout, sekundäre Traumatisierung, Schlafstörungen und stressbedingte körperliche Beschwerden.
In Anbetracht der akuten Lage mussten wir schon Anfang 2026 unsere Termineinheiten anpassen – während wir früher 20-minütige Slots angeboten haben, planen wir nun 30 Minuten ein. Dies bedeutet aber, dass nun weniger Termine verfügbar sind, und dadurch kann es in Spitzenzeiten im Mehrgenerationenhaus Wassertor teilweise bis zu sogar 15 Tage dauern, bis ein Beratungstermin frei wird. Berlinweit ist dieser Trend auch sichtbar:

Berlinweite Statistik zu der Entwicklung der Wartezeit bei Terminvergabe
Während es im Jahr 2019, 9.876 gemeldete Problemlagen in der Kategorie „Schwierigkeiten mit Sozialleistungsbehörden (SGB II, SGB XII, SGB VIII ….), z.B. Leistungseinstellung, -minderung, Antragsverfahren“ gab, waren es 2025 17.642. Mit der neuen Grundsicherung befürchten wir eine akute Verschärfung der Lage.

Berlinweite Statistik zu den gemeldeten Problemlagen im Bereich „Finanzen“
Es braucht dringend weitere langfristige Ressourcen, um den erhöhten Bedarf gerecht zu werden.
Bereits bei der Fachveranstaltung „Stadtteilarbeit in Friedrichshain-Kreuzberg“ am 20. Februar wurde der akute Bedarf in Kreuzberg-Nord geäußert. Wir hoffen, dass der Ausbau der allgemeinen Sozialberatung sowie themenspezifischer Rechtsberatung (z.B. Miet-, Asyl-, Sozial- und Familienrecht) in einer bezirksweiten Rahmenstrategie für Stadtteilarbeit verankert wird, um zu verhindern, dass Menschen in prekären Lebenslagen durchs Raster fallen und ihre Chancen auf Teilhabe schwinden.
Zusammenfassend wird klar: Sozialberatung ist kein Neben-, sondern ein Kernbereich sozialer Daseinsvorsorge – besonders in einer Stadt wie Berlin. Um den wachsenden Bedarf zu decken und soziale Spaltung zu begrenzen, müssen Beratungsangebote nachhaltig gefördert und politisch verfestigt werden.
Quelle der statistischen Grafiken:
https://www.berlin.de/sen/soziales/besondere-lebenssituationen/uebergreifende-angebote/allgemeine-unabhaengige-sozialberatung/artikel.1693928.php
Weitere Links
https://statistik.arbeitsagentur.de/DE/Navigation/Statistiken/Fachstatistiken/Arbeitsuche-Arbeitslosigkeit-Unterbeschaeftigung/Aktuelle-Eckwerte-Nav.html
https://www.berlin.de/ba-friedrichshain-kreuzberg/politik-und-verwaltung/service-und-organisationseinheiten/bezirkliche-planung-und-koordinierung/sozialraumorientierte-planungskoordination/daten/broschuere_fk_kleinraeumigedaten_2024.pdf