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Jeder fünfte Mensch in Berlin gilt als armutsgefährdet – der Bedarf nach Sozialberatung steigt

20.04.26

Jeder fünfte Mensch in Berlin gilt als armutsgefährdet – der Bedarf nach Sozialberatung steigt

Laut dem neuesten Berliner Sozialbericht (veröffentlicht am 16. April 2026) sind rund 20% der Berliner:innen von Armut gefährdet. Insbesondere Kinder und ältere Menschen sind besonders von Armut betroffen. Die Statistik zeigt auch eine deutliche ungleiche Verteilung von Armut in der Stadt, mit einer wachsenden Kluft zwischen einkommensreichen und einkommensarmen Menschen in den jeweiligen Bezirken.

Laut den kleinräumlichen Daten der Sozialraumorientierten Planungskoordination sind Menschen aus unserem Gebiet (Wassertorplatz) überdurchschnittlich von Armut gefährdet:

Statistik zu Armutsindikatoren im Wassertorkiez

Angesichts des hohen Anteils von Menschen mit Armutsgefährdung oder -betroffenheit in unserem Gebiet ist die tägliche Sozialberatung im Mehrgenerationenhaus Wassertor sowohl für die Bewohner:innen des Wassertorkiezes als auch für alle Kreuzberger:innen von großer Bedeutung. Wöchentlich mehr als 100 Menschen besuchen unsere Beratung mit diversen Fragen zu der Beantragung von Leistungen, dem Umgang mit Darlehen und Ratenzahlungen oder sogar mit drohender Wohnungsverlust.

Steigende Lebenskosten und mehr Bedarf nach Sozialberatung
In den letzten Jahren ist die Nachfrage nach Sozialberatung aufgrund der aktuellen schwierigen wirtschaftlichen Lage – insbesondere mit Blick auf die mehrfachen Folgen der Covid-Pandemie sowie der Kriegslage in Ukraine, Iran und in anderen Ländern – erheblich gestiegen. Allerdings wurden seitens der Stadt keine zusätzlichen Beratungsmöglichkeiten geschaffen, um dieser Entwicklung gerecht zu werden. In Notfällen werden Ratsuchende häufig von einer Stelle zur nächsten verwiesen und müssen dabei lange Wartezeiten in Kauf nehmen. Klient:innen, die unter Zeitdruck durch zuständige Behörden stehen, laufen Gefahr, ihrer Mitwirkungspflicht nicht nachkommen zu können – was häufig zu Frustration und Angst führt und im schlimmsten Fall sogar eine Kürzung ihrer Leistungen zur Folge haben kann. Auch in anderen Beratungsstellen ist die Situation ähnlich.

Wir pflegen einen ständigen Austausch und arbeiten eng mit anderen Sozialberatungsstellen in Kreuzberg und Umgebung zusammen. Außerdem sind wir aktiv im Paritätischen Arbeitskreis Armut & Existenzsicherung und setzen uns dort dafür ein, die Interessen armutsgefährdeter Menschen auf politischer Ebene zu vertreten. Auch bei dem Fachtag für Stadtteilarbeit am 20. Februar haben viele Kolleg:innen aus dem Bezirk ähnliche Sorgen über die Armutsgefährdung und unzureichende Versorgungsstrukturen geteilt.

Restriktive Ämter aufgrund politischer Entwicklungen
In unseren Beratungsgesprächen stellen wir fest, dass die Ämter infolge der politischen Entwicklungen der letzten Jahre in ihrem Umgang mit Klient:innen restriktiver geworden sind. Unsere Klient:innen sehen sich zunehmend mit mehrfachen bürokratischen Hürden konfrontiert, etwa bei Aufenthaltsgenehmigungen oder beim Zugang zu Sozialleistungen, auf die sie ein Recht haben. Dies führt dazu, dass der Bedarf an Sozialberatung weiter anwächst.

Eintritt neuer Grundsicherung
Wir prognostizieren, dass mit dem Inkrafttreten der neuen Grundsicherung ab  1. Juli 2026 der Bedarf an Sozialberatung exponentiell steigen wird und dass sich die sozialen Probleme wie z.B. Armut und damit verbundene Ungleichheiten verschärfen werden, wenn das Angebot an Sozialberatung nicht verbessert wird. Mit der neuen Grundsicherung sind Ämter ermächtigt, Gelder von Leistungsberechtigten unter gewissen Umständen zu sanktionieren. Für Menschen aus unserem Kiez, die oft mit einem angespannten Wohnungsmarkt (und dadurch auch engen Wohnverhältnissen), langwierigen Prozessen mit der Ausländerbehörde und fehlendem Zugang zu gut bezahlten Arbeitsstellen konfrontiert sind, ist das Risiko in Armut zu rutschen enorm groß.

Abschließend zeigt sich deutlich, dass Sozialberatung weit mehr ist als eine unterstützende Maßnahme im Einzelfall – sie ist ein unverzichtbarer Bestandteil sozialer Infrastruktur in einem wachsenden und sich verändernden urbanen Raum wie Berlin. Um den steigenden Bedarf zu bewältigen und soziale Ungleichheiten nicht weiter zu verschärfen, braucht es eine nachhaltige Stärkung der Beratungsangebote sowie verlässliche politische Rahmenbedingungen. Nur so kann gewährleistet werden, dass Menschen in schwierigen Lebenslagen rechtzeitig Unterstützung erhalten und gesellschaftliche Teilhabe möglich bleibt.

Ein Beitrag von Zahra Peasey