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Warum die Mobile Stadtteilarbeit gerettet werden muss

27.08.25

Das berlinweite Konzept „Mobile Stadtteilarbeit“ gibt es seit 2021, mit den Zielen nachbarschaftliche Beziehungen zu fördern und Menschen auf soziale Angebote aufmerksam zu machen, die sie bisher noch nicht kennen. In den letzten vier Jahren konnte enorm viel erreicht werden: in ganz Berlin konnten tausende Nachbar:innen an passende Beratungsstellen vermittelt werden, zahlreiche interkulturelle Begegnungsformate wurden durch die Mobile Stadtteilarbeit-Teams entwickelt und etabliert, und das nachbarschaftliche Miteinander und Engagement gestärkt. Trotz dieser Erfolge und des steigenden Bedarfs an gemeinschaftsstärkenden und einsamkeitsbekämpfenden Aktivitäten, ist das Projekt in Berlin aktuell bedroht. Von den 36 Mobilen Stadtteilarbeit-Teams in ganz Berlin sollen ab 2026 aufgrund der geplanten Kürzungen im sozialen Bereich nur 18 Teams weiterhin in den Kiezen aktiv sein.

Hintergrund des Projekts und geplante Kürzungen

Das Konzept für die Mobile Stadtteilarbeit wurde entwickelt als Teil der Reaktion auf die Covid-19 Pandemie. Nach einer zweijährigen Pilotphase von 2021 bis 2023 (ermöglicht durch den Europäischen Sozialfonds (ESF) im Rahmen von REACT-EU) wird das Konzept seit 2024 durch das Land Berlin im Rahmen des Infrastrukturförderprogramms Berliner Stadtteilzentren fortgeführt. Der Berliner Senat hat im Juli 2025 als Teil von einem größeren Sparpaket in Höhe von 800 Mio. € für den Haushalt 2026/27 angekündigt, über 2. Mio. € aus dem Projekt Mobile Stadtteilarbeit zu streichen.

Wir machen uns laut

Wir setzen uns dafür ein, dass alle 36 Teams der Mobilen Stadtteilarbeit erhalten bleiben und ihre wichtige aufsuchende Arbeit fortführen können. Bereits Ende letzten Jahres waren wir als ganzer Verein gemeinsam mit 5.000 anderen Berufstätigen aus der Sozialen Arbeit bei einer großen Kundgebung vor dem Abgeordnetenhaus, um uns gegen die geplanten Kürzungen im sozialen Bereich laut zu machen. Unter dem Motto #WichtigerAlsDuDenkst wurde klargemacht: Millionen-Kürzungen im Haushalt sind eine Bedrohung für Einrichtungen und Projekte und für unsere Gesellschaft!

Einige der Demo-Schilder, die wir zur Kundgebung mitgebracht haben, wurden von Besucher:innen unseres wöchentlichen Sprach- und Kiezcafés liebevoll gebastelt. Denn auch sie fühlen sich verunsichert und machen sich Sorgen wegen des möglichen Wegfalls dieses fundamentalen Angebots, das im Rahmen der Mobilen Stadtteilarbeit entstanden ist. Während mehrerer Befragungen im Kiez wurde vor zwei Jahren der Bedarf für einen begleiteten Raum identifiziert, in dem Neuankommende ganz ohne Klassenzimmerzwang die deutsche Sprache üben und sich zu alltäglichen Fragen informieren können. Sollte die Finanzierung für die Mobile Stadtteilarbeit gestrichen werden, gäbe es für Neuankommende und Zugewanderte weniger Unterstützung beim Ankommen, was auch langfristig nachteilig nicht nur für unsere Besucher:innen wäre, sondern auch allgemein für die deutsche Wirtschaft.

Unsere Besucher:innen haben Angst

Auch im Juli diesen Jahres waren wir erneut auf einer Kundgebung vor dem Roten Rathaus unter dem Motto #unkürzbar, diesmal zusammen mit zahlreichen Nachbar:innen und Freiwilligen, die sich dafür einsetzen möchten, dass unsere gemeinschaftsstärkende Arbeit im Kiez erhalten bleibt. Mit Sprüchen auf ihren Schildern wie „Hilfe statt Kürzung“, „Kürzen heißt Scheitern“ oder „Menschen statt Zahlen“ drücken sie Solidarität aber auch gleichzeitig eine gewisse Angst und Frustration über die aktuelle Lage aus. Denn Stadtteilarbeit ist nur möglich durch kontinuierliche Beziehungsarbeit und Vertrauensaufbau. Unsere Besucher:innen sind es gewohnt, mit den vertrauten Gesichtern unseres Teams über ihren Alltag und Probleme zu sprechen. Sollten ihre Stellen gestrichen werden (und somit auch die dadurch ermöglichten Angebote wegfallen), wäre unsere langjährige Arbeit in der Nachbarschaft gefährdet. Diese Situation ist bei uns in Kreuzberg-Nord nicht einzigartig, sondern betrifft alle 36 Berliner Gebiete, die zur Zeit von Mobile Stadtteilarbeit-Teams belebt und begleitet werden.

Wegfall von Begegnung

Egal ob durch mobile Aktionen unterwegs, z.B. Kiezspaziergänge, Kiez-Picknicks oder bunte Mitmach-Aktionen mit dem Kiosk der Solidarität, oder durch regelmäßige Treffen wie der Malkurs, das Sprach- und Kiezcafé, das gemeinsame Gärtnern im Nachbarschaftsgarten oder beim KiezPong– unser Mobile Stadtteilarbeit-Team schafft wichtige Begegnungsmöglichkeiten, die für unsere Besucher:innen soziale Teilhabe und Gemeinschaft bedeuten. Viele Menschen hier wohnen in engen Wohnverhältnissen, sind auf Transferleistungen angewiesen oder sind von Altersarmut betroffen. Die Pflege von Angehörigen, das Meistern des Arbeits-, Schul- und Familienalltags und die Überwindung der vielen bürokratischen Hürden führt nicht selten zur Erschöpfung. Der Bedarf nach unkomplizierter Unterstützung, Verständnis und Gelegenheiten, bei denen man sich vom stressigen Alltag ganz ohne Konsumzwang abschalten kann, ist groß.

Schwer zu erreichende Menschen

Ein weiteres Ziel der Mobilen Stadtteilarbeit ist es, Menschen, die bisher schwer zu erreichen sind, von den vielfältigen Angeboten in ihrem Wohnumfeld zu informieren, damit sie ermächtigt und ermutigt werden, sich aus der sozialen Isolierung zu begeben, sich in ihrer Nachbarschaft einzubringen und bei Bedarf auch Unterstützung zu suchen. Dies geschieht, in dem die Kolleg:innen der Mobilen Stadtteilarbeit-Teams an Türen klopfen, an mobilen Standorten im Kiez mit interaktiven Mitmach-Aktionen unterwegs sind und auch mit weiteren Akteur:innen im Kiez kollaborieren, um ihre Reichweite zu vergrößern. Die Erreichung von isolierten Menschen hat auch eine große Auswirkung auf die Aufrechterhaltung demokratischer Werten in unserer Gesellschaft, denn nicht selten führt fehlende Begegnung zu einem Abtauchen in rechtes Gedankengut, Verschwörungstheorien und Polarisierung. Die Gestaltung von interkulturellen und generationsübergreifenden Begegnungsmöglichkeiten und das Einbeziehen von isolierten Menschen durch Mobile Stadtteilarbeit-Teams ist essenziell für den Zusammenhalt im Kiez, die Stärkung des nachbarschaftlichen Miteinanders und die Aufrechterhaltung unserer Demokratie.

Komm mit uns auf die Demo!

18 Teams, etwa 45 Kolleg:innen, sollen ab 2026 eingespart werden und die Finanzierungshöhe der verbleibenden Projekte ist unklar. Die erste Lesung des Haushaltsgesetzes im Abgeordnetenhaus ist für den 11. September 2025 geplant. Wir sind Mitzeichnende der Resolution beim Bündnis Soziales Berlin und werden uns gemeinsam mit zahlreichen anderen sozialen Trägern vor dem Abgeordnetenhaus gegen die geplanten Kürzungen laut machen und uns mit anderen Betroffenen solidarisieren. Wir rufen alle Kolleg:innen aus dem sozialen Bereich sowie Nachbar:innen und Engagierte auf, gemeinsam mit uns auf die Demo zu kommen und klarzumachen: Berlin darf nicht kaputtgespart werden!

📢 Wir treffen uns um 9:30 Uhr am Donnerstag 11. September vor dem Mehrgenerationenhaus Wassertor (Wassertorstraße 48) und gehen gemeinsam zum Abgeordnetenhaus. Um 10 Uhr beginnt die Kundgebung.

Am Tag davor (Mittwoch 10. September) zwischen 15 – 17 Uhr sind Nachbar:innen herzlich eingeladen, in unserem Nachbarschaftscafé Demo-Schilder zu malen und Video-Botschaften für Social Media abzugeben. Nach der Demo feiern wir unser starkes Miteinander beim Tanzvergnügen ab 17 Uhr in der Bona Peiser.

➡️ Weitere Infos hier.

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Weitere Links
Positionspaper der Paritätischen Berlin (27.08.2025)
paritaet-berlin.de/aktuelles/detail/drastische-kuerzungen-geplant-mobile-stadtteilarbeit-in-gefahr

Pressekonferenz: Landesprogramm Mobile Stadtteilarbeit (19.02.2024)
stadtteilzentren-mobil.de/pressekonferenz-landesprogramm-mobile-stadtteilarbeit

 

 

 

Ein Beitrag von Zahra Peasey