Blog

Studieren neben der Arbeit: Drei Teammitglieder über ihren Weg zum Bachelor der Sozialen Arbeit
12.10.26Drei Mitarbeitende aus unserem Team haben im vergangenen Jahr etwas Besonderes erreicht: Sie haben ihr Studium der Sozialen Arbeit (Bachelor) neben ihren Tätigkeiten in unseren Standorten abgeschlossen. Wir waren gespannt: was hat ihnen – auch ab 40 – dabei bewegt, welche Themenschwerpunkte haben sie im Studium gesetzt und wie geht es ihnen nun nach dem Abschluss? In diesem Gespräch tauschte sich Zahra mit Fatih Kanalıcı (Mobile Stadtteilarbeit), Susi Hape (Projekt Gitti & Gerda) und Maria Ketzler (Offene Begegnung & Mädchenarbeit) aus und erfährt dabei, was sie in ihrem Beruf motiviert.
Was hat euch bewegt, Soziale Arbeit zu studieren?
Fatih (44): Ich habe 2018 hier angefangen zu arbeiten und ich war ziemlich zufrieden mit meiner Arbeit, aber ich habe immer gedacht, ich mache alles nach Gefühl und mir fehlte die Professionalität, ob ich alles richtig mache, ob es andere Wege gibt oder neue Methoden, Werkzeuge. Dann irgendwann habe ich mich dafür entschieden, Soziale Arbeit zu studieren und das, was mir fehlte habe ich definitiv mit dem Studium bekommen. Es hat mir richtig, richtig viel geholfen. Die andere war einfach das Finanzielle, einen anerkannten Abschluss hier zu haben. Ich habe in der Türkei BWL studiert. Das ist zwar auch anerkannt, aber einfach mehr Sicherheit zu haben.
Maria (27): Bei mir war das so, dass ich nach der Schule lange nicht wusste, was ich so machen wollte, aber ich wusste dadurch, dass ich gut mit Menschen kann, dass ich auf jeden Fall irgendwas mit Menschen machen möchte. Dann habe ich ein bisschen rum geguckt und was mir an Sozialer Arbeit gut gefallen hat, ist, dass es schon darum geht, Menschen zu unterstützen, selbst ihre Lebensbedingungen zu verbessern und genau dieser Aspekt hat mir da einfach sehr gut gefallen und auch, dass es so abwechslungsreich ist. Ich bin ein Typ, der sich schwer festlegen kann auf eine bestimmte Sache und wenn ich so darüber nachgedacht habe, einen spezifischen Studiengang zu machen und die Arbeit dann für 50, 60 Jahre zu machen, habe ich mich damit sehr schwergetan. Aber Soziale Arbeit war da eine super Verbindung aus dem Sozialen und eben auch ein super breites Feld, wo man halt überall auch mit reingehen kann. Also es gibt ganz viele unterschiedliche Arbeitsfelder, in die man mit einem Soziale-Arbeit-Studium arbeiten kann.
Susi (46): Eigentlich wollte ich schon vor 20 Jahren Soziale Arbeit studieren. Damals war mein Wunsch, mit Jugendlichen zu arbeiten, am liebsten als Streetworkerin. Allerdings lag der Numerus Clausus bei 1,0, und mit meinem Abitur hatte ich leider keine Chance auf einen Studienplatz. Also führte mich mein beruflicher Weg zunächst in eine ganz andere Richtung: ins Eventmanagement. Dort habe ich viele Jahre Veranstaltungen organisiert, bis Corona kam und plötzlich keine Events mehr stattfinden konnten. Von einem Tag auf den anderen konnte ich meinen Beruf nicht mehr ausüben.
In dieser Zeit bekam ich das Angebot, beim Wassertor e.V. ein Projekt mit älteren Menschen aufzubauen. Anfangs war ich etwas skeptisch, weil ich die Arbeit mit älteren Menschen automatisch mit Pflege verbunden habe. Und das war eigentlich nicht das, was ich machen wollte. Doch dann kam mir der Gedanke: Warum nicht meine Erfahrungen aus dem Eventmanagement nutzen, um älteren Menschen schöne Erlebnisse zu ermöglichen, sie zusammenzubringen und etwas gegen Einsamkeit zu tun?
Also habe ich mich darauf eingelassen und ziemlich schnell gemerkt, wie viel Freude mir diese Arbeit macht. Gleichzeitig wurde mir aber auch bewusst, dass mir für die soziale Arbeit noch das nötige fachliche Handwerkszeug fehlt. Ich wollte nicht nur aus dem Bauch heraus handeln, sondern auch die sozialen Hintergründe besser verstehen und meine Arbeit professionell gestalten.
Deshalb habe ich mich entschieden, neben meinem Beruf noch einmal Soziale Arbeit zu studieren. Für mich war das die Möglichkeit, meine langjährige praktische Erfahrung mit fundiertem Fachwissen zu verbinden. Und irgendwie hat sich damit nach 20 Jahren doch noch der Kreis geschlossen.
Maria: Das wusste ich gar nicht. Also, dass du so lange schon immer Soziale Arbeit studieren wolltest? Das war bei mir am Anfang auch so und dann bin ich erst mal bei Kindheitspädagogik reingekommen, weil ich halt nicht in Soziale Arbeit reingekommen bin und nach vier Semestern dachte ich mir so, nee, ich kann nicht mehr. Und dann habe ich es weiter währenddessen auch schon versucht, bei Sozialer Arbeit reinzukommen und irgendwann hat es dann geklappt.
Wollt ihr euch kurz von euren Bachelor-Arbeiten erzählen, die Themen und was euch bewegt hat, darüber zu schreiben?
Susi: Da ich das Projekt „Gitti & Gerda – Kreuzberger Omas on Tour“ leite, hat mich das Thema ältere Menschen eigentlich durch mein gesamtes Studium begleitet. Es hat sich wie ein roter Faden durchgezogen und war deshalb auch der Schwerpunkt meiner Bachelorarbeit. Mir ging es dabei vor allem um gesellschaftliche Teilhabe und die Frage, wie soziale Projekte für ältere Menschen gestaltet werden können, damit sie wirklich etwas bewirken. Denn ich finde, Seniorenarbeit sollte weit über die klassischen Angebote mit Kaffee und Kuchen hinausgehen. Natürlich haben auch solche Begegnungen ihren Wert, aber ich möchte zeigen, dass noch viel mehr möglich ist. Es geht darum, besondere Erlebnisse zu schaffen, neue Erfahrungen zu ermöglichen und Menschen das Gefühl zu geben, weiterhin ein aktiver Teil der Gesellschaft zu sein.
Solche Erlebnisse können nachhaltig wirken. Sie schaffen Gemeinschaft, stärken das Selbstvertrauen, fördern die Lebensfreude und können dazu beitragen, dass ältere Menschen länger selbstbestimmt und gesund in ihrem gewohnten Umfeld leben können.
Was mich dabei besonders beschäftigt, ist unser gesellschaftliches Bild vom Älterwerden. Nur weil jemand in Rente geht, bedeutet das doch nicht, dass dieser Mensch keine Lust mehr hat, etwas zu erleben, Neues auszuprobieren oder am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Und trotzdem habe ich oft das Gefühl, dass ältere Menschen ab einem bestimmten Alter nicht mehr richtig mitgedacht werden. Das ist kein Problem, das nur Kreuzberg betrifft, sondern eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung. Ich finde, hier muss ein Umdenken stattfinden. Wir brauchen mehr kreative, mutige und auch ungewöhnliche Angebote, die ältere Menschen nicht nur beschäftigen, sondern ihnen echte Teilhabe ermöglichen.
Genau das wollte ich mit meiner Bachelorarbeit deutlich machen: Ältere Menschen wollen nicht einfach nur versorgt werden. Sie wollen dazugehören, mitgestalten und etwas erleben. Und dafür müssen wir ihnen auch die Möglichkeiten geben.
Maria: Ich habe meine Bachelor-Arbeit über Digitalisierungsprozesse in Sozialleistungsbehörden geschrieben und wie sie sich auswirken auf die Zugänglichkeit von Sozialleistungen. Und ich bin tatsächlich auch über das Haus hier auf das Thema gekommen.
Stephan [aus unserem Sozialberatungsteam] hat mich um Hilfe bei einem Beratungstermin gebeten, wo der Ratsuchende gerne das digitale Verfahren nutzen wollte. Und wir haben das einfach nicht hinbekommen und ich dachte mir so, hier sitzen drei Leute und ich würde mich selber auch als sehr technikaffin beschreiben. Und wir haben es einfach nicht hinbekommen, das zum Laufen zu kriegen.
Und dann dachte ich, wenn selbst ich, die als Digital Native damit aufgewachsen ist, irgendwie das nicht hinbekomme, wie sollen das denn die Leistungsberechtigten – die eh super belastet sind von unterschiedlichen Themen, finanzieller Situation, prekärer Beschäftigung, psychischen Themen und mit erschwerten Faktoren, wie geringen Deutschkenntnissen oder Digitalkompetenzen die hinzukommen, konfrontiert sind – wie sollen die das denn hinkriegen? Und deswegen wollte ich das untersuchen. Und genau, was mich am meisten bewegt hat an den Ergebnissen, war, dass eigentlich klar wurde, dass die Personen, die ohnehin schon überall immer hinten runterfallen und Schwierigkeiten damit haben, weil sie in sehr belasteten Lebenssituationen leben, eigentlich weiter benachteiligt werden dadurch, weil die analogen Verfahren, die Papierformulare immer mehr wegfallen, auch die Kommunikation mit den Ämtern immer eingeschränkter wird und die eigentlich viel weniger Unterstützungsbedarf bekommen, aber viel mehr Aufwand an ihre Leistungen zu kommen überhaupt. Und ein zweites zentrales Ergebnis war, dass das bereits bestehende Sozialleistungssystem extrem schwer zugänglich und unheimlich kompliziert ist. Das wird durch das digitale Verfahren bisher nicht gelöst, es kommt so gesehen nur eine weitere, die digitale Hürde, dazu.
Fatih: Ähnlicherweise bei mir auch, hat die Arbeit mich dazu bewegt, das Thema zu finden. Und bei mir war der Zusammenhang zwischen Migrationshintergrund und Armut. Bei uns in diesem Kiez haben wir über 67 Prozent Migrationshintergrund und eine den ärmsten Kiezen in ganz Berlin. Und ich hatte das Gefühl gehabt, manchmal hört man Aussagen, warum sind diese Personengruppen anstrengend, warum wirken sie so, warum sind die arm, warum arbeiten sie nicht?
Genau diese Warum-Frage wollte ich antworten oder dazu eine Antwort finden. Und bei meiner Arbeit habe ich herausgefunden, dass es eigentlich strukturell gelegt ist. Von Geburt an eigentlich, es fängt an im Kita-Alter, dass Menschen weniger Kita-Plätze bekommen, weil sie türkischen, arabischen oder polnischen, ich weiß nicht was, Nachnamen oder Namen haben. Und dann in der Schule werden sie diskriminiert, dann nach der Schule wird schwierig, einige Hausarbeiten werden schlecht bewertet, dann mit Studium wird es auch schwieriger, wenn sie überhaupt studieren. Einen Arbeitsplatz zu finden ist viel schwieriger als für Menschen ohne Migrationshintergrund.
Es gibt zahlreiche Studien, die in jedem Bereich das beweisen, dass Menschen mit Migrationshintergrund weniger Chancen haben. Und dann, wenn sie überhaupt studieren und einen Arbeitsplatz finden, kriegen sie weniger Geld als Menschen ohne Migrationshintergrund und dann gründen sie eine Familie und das geht weiter. Wenn sie eine Wohnung mieten wollen, bezahlen sie viel mehr Geld als Menschen ohne Migrationshintergrund, und wohnen oft auch in schlechteren Wohnungen.
Und das ist alles, was wir in unserem Arbeitsbereich beobachten. Und ich habe, glaube ich, durch die Bachelorarbeit meinen Beweis gefunden. Wenn ich mit jemandem diskutiere, kann ich wirklich erzählen, was ich gefunden habe und statistisch beweisen, warum diese Menschen in welcher Weise benachteiligt sind. Und ich habe recherchiert, was für Einflussmöglichkeiten wir als Sozialarbeitende haben und einige Methoden gesammelt.
Und jetzt habt ihr alle im letzten Jahr frisch den Abschluss. Was bedeutet das für euch jetzt? Einen Abschluss zu haben, das geschafft zu haben, das Studium hinter euch zu haben – das ist ein Erfolgserlebnis, oder?
Susi: Ich muss ehrlich sagen, dass ich im ersten Jahr kurz davor war, alles hinzuschmeißen. Ich habe mich damals schon gefragt: Warum tue ich mir das eigentlich an? Warum fange ich mit 40 Jahren noch einmal an zu studieren, obwohl ich beruflich längst meinen Weg gefunden habe? Neben zwei Jobs auch noch ein Studium zu absolvieren, war schon eine ziemliche Herausforderung. Aber irgendwann hatte ich meinen Rhythmus gefunden. Das Studium wurde einfach ein Teil meines Alltags, und irgendwie habe ich es geschafft, alles miteinander zu vereinbaren. Natürlich war das nicht immer einfach und manchmal musste ich mich auch selbst daran erinnern, warum ich das Ganze überhaupt angefangen hatte.
Und dann verging die Zeit tatsächlich schneller als gedacht. Plötzlich waren vier Jahre vorbei und ich hatte meinen Bachelorabschluss in der Tasche. Was mich dabei besonders überrascht hat, war, wie gut ich am Ende abgeschlossen habe. Damit hätte ich zu Beginn wirklich niemals gerechnet. Rückblickend bin ich schon ziemlich stolz darauf, dass ich nicht aufgegeben habe. Vor allem, weil ich mir selbst bewiesen habe, dass es sich auch mit 40 noch lohnt, etwas Neues anzufangen und sich einer Herausforderung zu stellen. Und dass man manchmal viel mehr schaffen kann, als man sich selbst zutraut.
Maria: Es ist schon einfach so ein Meilenstein, dass man endlich auch einen Abschluss in der Tasche hat. Meine Berufsbiografie war ja jetzt auch nicht so geradlinig und mit 27 haben andere vielleicht auch schon ihren Master oder irgendwie zwei Ausbildungen gemacht und so. Das ist auf jeden Fall ein Aspekt, auf den ich auch stolz drauf bin und froh bin, dass ich das endlich so geschafft habe. Und jetzt studiere ich ja erst mal weiter im Master weiter, Praxisforschung in der Sozialen Arbeit und Pädagogik, deswegen verändert sich jetzt in meinem alltäglichen Leben für die anderthalb oder nächsten zwei Jahre gar nicht so viel.
Susi: Und was ich vorher überhaupt nicht erwartet hätte: Als das Studium vorbei war, hat mir tatsächlich etwas gefehlt. Vier Jahre lang war mein Alltag durch zwei Jobs und das Studium ziemlich durchgetaktet. Und plötzlich war da abends diese freie Zeit. Im ersten halben Jahr habe ich mich manchmal ernsthaft gefragt: Was mache ich denn jetzt eigentlich mit meiner Zeit? Es war schon ein komisches Gefühl, nach all den Jahren auf einmal nichts mehr für die Uni machen zu müssen. So anstrengend das Studium manchmal war, irgendwie hatte ich mich auch daran gewöhnt. Und dann hat es mir tatsächlich ein bisschen gefehlt.
Maria: Ja, das war auch ein Grund, warum ich noch weiter studieren wollte, dass ich eigentlich mag mich mit Dingen auch zu beschäftigen und so tief einzusteigen in bestimmte Themen, also gerade auch gesellschaftspolitische Themen. Und ich habe aber so einen inneren Schweinehund, dass ich es einfach nicht mache. Und die Uni ist, wie du das auch schon meintest, man kriegt es so auf dem Silbertablett serviert, man muss nur noch zugreifen. Und das ist total gut, weil man sich mit Dingen auseinandersetzt, weil es einfach so in seinen Stundenplan so integriert ist.
Fatih: Für mich, mein Leben hat sich schon ziemlich viel geändert, würde ich sagen, weil es schon eine Herausforderung ist, Studium, Familie und Arbeit, so eine Balance zu finden und das überhaupt hinkriegen zu können. Ich merke, dass ich halt viel mehr Zeit habe für mich, für meine Familie, das ist schon gut, aber auf der anderen Seite fehlt mir dieser automatische, selbstverständliche, intellektuelles Input.
Es war sehr schön, halt ständig so einen Input zu bekommen von der Uni und ich musste mich auch gar nicht darum kümmern. Es war halt, jetzt hast du das Modell, jetzt hast du diese Methode und dann kriegst du einen Input dazu. Das fehlt mir ein bisschen gerade. Vielleicht brauche ich noch eine Fortbildung! Aber ich genieße gerade die Zeit, wo ich mit meiner Familie mehr schöner Zeit verbringen kann, abends einfach die Füße hochlegen kann.